Wabi Sabi – so unperfekt wie das Leben

Eine richtige Übersetzung für Wabi Sabi gibt es nicht. Es ist ein altes japanisches Wort und spielt eine Rolle im Zen – Buddhismus. Erst seit ein paar Monaten beschäftige ich mich mit dem Meditieren, der damit verbundenen Achtsamkeit und der Entschleunigung des Alltags mehr.

Wie es dazu kam, erzähle ich demnächst mal ausführlich. Auslöser war „meine“ Woche ganz allein auf Rügen. Naja, ganz allein stimmt nicht, aber ohne Mann und Kinder.

Zurück zu Wabi Sabi. Es bedeutet, frei übersetzt, die Kunst das Schöne im Unperfekten zu sehen. Also den Blick auf das Ganze zu richten. Einen Schritt zurückzutreten, um zu erkennen, das Perfektion nicht das ist, wonach es sich zu streben lohnt, sondern dass das Leben, der Mensch und meinetwegen auch die Teetasse, die einen Sprung hat,  so schön sind wie sie eben sind. Jetzt. Denn nur so sind sie einzigartig und das macht sie so wertvoll.

Wabi Sabi feiert das Unperfekte.

Jede Kante, jeder Makel, jede Schramme und jede Narbe wird zum Schönen. Denn erst so wird alles einzigartig, erst so gerät man in den Fluss des Lebens, der ganz natürlich einem ständigen Wandel unterzogen ist.

Man tut gut daran mitzuschwimmen. Und man verschwendet Zeit beim Versuch eben jene anzuhalten, das Perfekte zu konservieren oder überhaupt erst herzustellen. Denn ist es erstmal da, ist erstmal alles perfekt, ist es auch schon wieder weg.

Wie gewonnen – so zerronnen.

Deal with it. So ist es nun mal: Alles im Leben ist ständig im Wandel, Wabi Sabi erinnert uns.

Wer Wabi Sabi lebt, der erkennt das Leben an so wie es ist. Der AKZEPTIERT. Und der weiß, dass unser Körper nur die Durchgangsstation zu was auch immer ist…wir werden ihn verlieren, wir werden zu dem Staub aus dem wir gekommen sind. Das ist das ewige Wechselspiel der Moleküle. AKZEPTIERE es. Schwimm mit! Sieh das Schöne daran und darin!

Wabi Sabi ist der beste Lehrer in Bezug auf AKZEPTANZ.

Warum kann das alles ein Gamechanger im eigenen Leben werden, besonders dann wenn man mit Kindern lebt?

Sieh genau hin: du bist ein Universum an Möglichkeiten, Talenten, Macken und Eigenarten.

Das bist du.

Du bist einzigartig.

Einzigartig schön.

Nur das ganze Paket macht dich komplett.

Dein ganzes Universum ist heilig.

Und genau das gleiche gilt auch für deine Kinder, deinen Mann und JA! auch für deine Schwiegermutter 🙂

Bei der nächsten Irritation, wenn ihr das nächste Mal wieder Unruhe und Hektik spürt, weil das Wohnzimmer nicht aufgeräumt ist, ihr noch nicht herbstlich dekoriert habt, der Garten noch nicht umgegraben ist, ihr unbedingt eine neue Hose braucht, weil die andere ein Loch habt, dann zieht die Wabi Sabi Brille an. Es ist alles schön um euch herum, ihr müsst es nur sehen.

Und viel wichtiger als bei materiellen Dingen wird Wabi Sabi wenn es um das Innere geht. Charaktere, Persönlichkeiten, Werte.

Aber wie komm ich auf Wabi Sabi?

Für mich ist es nicht nur eine Floskel, dass Selbstliebe bei einem selbst beginnt und erst von dort auf andere (zum Beispiel eure Kinder) übertragen werden kann. Das ist eine simple Wahrheit. Etwas woran ich glaube.

Seit meiner Schwangerschaft habe ich ziemlich starke Pigmentflecken im Gesicht. Bei ungünstigem Lichteinfall sehe ich aus wie Indianerhäuptling Lederstrumpf. Ich kann mich nicht leiden mit diesen Flecken. Die gehören nicht zu mir und sind trotzdem da… Ich könnte jetzt hier natürlich auch ein tolles Beauty Tutorial schreiben, welche Cremes wirken und wie oft ich das Gesicht mit Peeling behandel. Ich könnte durchdrehen weil das WEG muss. Oder:

Ich versuche es mit Akzeptanz.

Mein Beauty Programm heißt Wabi Sabi. Die Flecken gehören JETZT zu mir, sie sind meine Makel.

UND genau so, was noch viel wichtiger ist, werde ich ab sofort auch meine charakterlichen Baustellen angehen.

Ich steig aus dem Perfektionszug aus. Ich feier  nun auch meine Macken.

Und weil es so schön ist, hier das passende, wunderschöne Gedicht von Ariana Reines:

‚Come to me whole, with your flaws, your scars and everything you consider imperfect. 
Then let me show you what I see.
I see galaxies in your eyes and fire in your hair. 
I see journeys in your palms and adventure waiting in your smile.
I see what you cannot:
You are absolutely, maddeningly, irrevocably perfect.‘

 

Erzählt ihr mir von euren Schönheiten?

 

Erziehen ist out

Das Wort ERZIEHEN mag ich nicht. Es hat etwas Gewalttätiges in sich. Das klingt abgefahren und kleinkariert? Ist es vielleicht auch.

Mindestens bringt es die Aufforderung mit sich, etwas tun zu müssen. Da schwingt doch eine Bringschuld mit. Wem gegenüber denn eigentlich?

Außerdem schwingt die Tatsache mit, dass man richtig und falsch erziehen kann. Natürlich gibt es gelungene und nicht gelungene Versuche von Eltern ihre Kinder zu wertvollen Teilhabern  der Gesellschaft zu machen. Aber dass muss man  nicht so auf- und ausdrücken. Das macht Stress und das ist der schlechteste Start ins Elterndasein den es gibt.
Das Leben mit Kindern, und alle Aufgaben die damit verbunden sind, darf nicht zur Pflicht und zur Prüfung werden. Die einzigen Personen, die innerhalb dieser wenigen Jahre, in denen die Kinder klein und bedürftig sind, zählen, sind Sie selbst und die Kinder. Der Rest hat einfach mal nichts zu melden.

Gibt es denn eine griffige Alternative für das Wort ERZIEHEN? Gar nicht so einfach, aber machen Sie mal bitte folgendes Gedankenexperiment; ersetzen Sie ERZIEHEN, wo immer es vorkommt durch GEmeinsam erLEBEN. Und daraus machen wir jetzt ganz übertrieben die pfiffige Wortneuschöpfung GELEBEN. Das klingt holprig, aber darum geht es im Moment gar nicht. Es geht um das, was damit im Kopf passiert.

„Ich möchte mein Kind zu einem ordentlichen Menschen erziehen.“ -> „Ich möchte  mit meinem Kind Ordnung gemeinsam erleben.“

„Ich möchte mein Kind zu einem guten Freund für andere erziehen.“ -> „Ich werde mit meinem Kind gemeinsam erleben, was es bedeutet ein guter Freund zu sein.“  UND SO WEITER UND SO FORT.

Ist es nicht so, dass dann der Gedanke ans GELEBEN eine völlig andere Kaskade von Assoziationen  auslöst? Ist da nicht viel mehr Harmonie und Ruhe und Zuversicht? Weniger Druck und Angst das Falsche zu tun? Ist da nicht mehr Vertrauen in den natürlichen Lauf der Dinge?

Einfach man selbst sein und so leben, wie man möchte, dass das eigene Kind leben wird.  Das wäre doch wunderbar. Das schraubt die Achtsamkeit für das eigene Leben plötzlich auf ein ganz anderes Level. Man wäre dann wohl sehr viel sorgsamer in seinem Handeln und Tun, wenn das eigene LEBEN plötzlich der Maßstab der „Erziehung“ wäre. Was irgendwelche Erziehungsratgeber, Omas, Tanten, Passanten meinen oder tun ist noch nicht mal mehr zweitrangig, sondern fliegt komplett aus der Liste der Wichtigkeiten. Und vor allen Dingen:

MAN WÜRDE SEINEN KINDERN NICHT IRGENDWELCHE VERSCHISSENEN LEBENSREGELN VORGAUKELN AN DIE MAN SICH SELBST NICHT HÄLT.

Natürlich darf man länger fernsehen, wenn man erwachsen ist, Alkohol trinken, Auto fahren und so weiter. Dabei handelt es sich um Rechte und Pflichten, die a priori mit dem Alter entstehen. Dafür müssen Sie eben auch arbeiten, einkaufen und den Müll rausbringen.

Mir geht es um Haltungen.

Ich meine Sachen wie Respekt vor dem Gegenüber und dem Leben im Allgemeinen, Achtsamkeit im Umgang mit Ressourcen, Verantwortungsbewusstsein gegenüber Schwächeren, Hilfsbereitschaft, Zivilcourage, Freundlichkeit, sich Zeit nehmen für die wichtigen Dinge, den Moment genießen, sich fokussieren zu können, seinen Körper achten und pflegen und gesund ernähren und noch ganz vieles mehr.

Zum besseren Verständnis hier einige Beispiele im Stil von „Du möchtest nicht, dass dein Kind…., DANN…“

  • Du möchtest nicht, dass dein Kind nur Süßigkeiten und ungesundes Zeugs isst, dann fang an DICH gesund zu ernähren und streiche deine Süßigkeiten vom Plan. Wenn du das nicht kannst; teile mit deinem Kind und leb damit!
  • Du möchtest nicht, dass dein Kind einen motzigen Befehlston drauf hat sobald es nicht bekommt was es möchte, dann schalte mal den Achtsamkeitsmotor an und erteile DEINE Anweisungen an dein Kind, auch wenn du müde, durstig tralala bist in einem freundlichen Ton.
  • Du möchtest nicht, dass dein Kind sich bei jeder Gelegenheit vordrängelt, sich über andere stellt und sie versucht zu beherrschen, dann warte doch selbst mal beim Bäcker, beim Konzert, an der Bushaltestelle bis alle anderen drin sind und geh dann. Sei verdammt nochmal höflich und tue nicht immer so pikiert, wenn dein Kind drängelt, nur weil es dir dann plötzlich peinlich ist.
  • Du möchtest, dass dein Kind anderen Kindern hilft wenn sie in Not sind, dann geh nicht vorbei, wenn der Oma im Supermarkt die Milch runterfällt.
  • Du möchtest nicht, dass sich dein Kind futterneidisch den ganzen Teller vollschaufelt und die Hälfte weggeworfen wird, dann beobachte dich mal beim nächsten Buffet.

Das ließe sich endlos so fortsetzen, aber ich denke Sie haben den Dreh. Vor der eigenen Haustür kehren ist das neue ERZIEHEN, was red‘ ich, das neue GELEBEN.

Ich gelebe mein Kind. Herrlich, wenn es so da steht, könnte man meinen ich wollte „ich gelobe mein Kind“ schreiben. Das wäre gar nicht so schlecht. Ich gelobe feierlich, ich mach es so gut ich kann, du machst es so gut du kannst und zusammen werden wir besser und besser und stärker und stärker.

Ach ja, die Sache mit dem Haken…da war ja was…diese Methode setzt natürlich voraus, dass Sie selbst ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind, dass sie integer und sozial sind, selbstbewusst und achtsam. Dass Sie sich disziplinieren können, Ordnung halten, Freude am Lernen haben, ihren Körper und Geist schätzen und pflegen, bereit sind an ihre Grenzen zu gehen, materielle Dinge unwichtig sind, sie erkannt haben was im Leben wirklich zählt. Die Sache mit dem Haken eben.

Wenn Sie das alles nicht sind, aber gerne hätten dass das auf ihr Kind zutrifft. Vergessen Sie es!  Machen Sie sich keinen Stress mehr, sie werden scheitern. Ihr Kind lässt sich nicht austricksen, es kennt die hier beschrieben Methode schon lange.

Was das Schlimmste ist was Ihnen passieren kann? Ihr Kind erfährt eines Tages durch andere Menschen, worum es hier wirklich geht, ändert sich und schafft es dann Ihr Verhalten auf einer distanzierten, reflektorischen Ebene zu durchleuchten. Dann sind sie im Arsch.

Weil man ja nicht so negativ enden soll, hier ein wertvolles P.S.:

Eva Kessler, eine Paar- und Erziehungsberaterin benutzt anstelle des Wortes ERZIEHEN, das Wort POSITIONIEREN. Damit meint sie, das Kind gut in der Welt zu verankern. Ihm seine Position, zum Beispiel im ´Gegensatz zu seinen Geschwistern, zu zeigen. Dies vermittelt dem Kind Halt und Sicherheit, so dass eine gesunde Identitätsbildung möglich wird. Mehr dazu kann man in ihrem wirklich sehr empfehlenswerten Buch „Die Kunst, liebevoll zu erziehen“ erfahren.