Herzzerreißend

Eigentlich war das heute irgendwie kein schöner Tag.  Der Mann und ich hatten miese Stimmung. So richtig weiß man nicht warum. Begonnen hat es damit, dass ich mich beleidigt gab, weil er mit seinem Bruder am Telefon einen derart sarkastischen Tonfall drauf hatte, das man nicht wusste, wo jetzt Spaß aufhört und Ernst anfängt. An allem was man sagt ist auch was dran.

Eigentlich kann ich da gut mit um. Eigentlich weiß er auch, dass das wenn es Außendarstellungen von uns betrifft, meine Humorsensitivität schnell überschreitet.  Aber eigentlich ist das Grundproblem ein anderes. Er arbeitet grade viel. Vor allem nachts. Dadurch arbeite ich auch mehr.  Denn der Mann entfällt für die Nachtschicht beim großen Kind, womit ich bei ungünstigen Nächten Doppelschichten schiebe, die an eine ganz schlechte Partie Pingpong erinnern. Ist die eine wach, wird es die andere auch. Schläft die eine dann endlich ein, weckt die andere sie wieder auf. Kapitulation meinerseits endete in der vergangenen Nacht um 4 Uhr und 38 Minuten in der Küche, Milch erwärmend und hundemüde. Saumüde.

Also zurück zum eigentlichen Problem. Wir haben beide Schlafentzug. Und das ist wirklich etwas das sehr wesensverändernd wirkt. Ist ja nicht umsonst Foltermethode. Da geht einem einiges auf den Schnürsenkel, was man ehemals noch amüsant fand. Mit Schlafentzug geht einiges Hand in Hand. Minuspunkte für die Gespräche zu zweit und Minuspunkte für die Libido zum Beispiel. Das hilft dem gegenseitigem Verständnis auch nicht unmittelbar auf die Sprünge.

Also jedenfalls war der Tag eigentlich für den Allerwertesten.

Der Mann und ich hatten uns zwar am Vormittag bereits ausgesprochen, aber wir können beide nicht von 0 auf 100 wieder honigkuchengrinsend sein.

Jedenfalls heute Abend passierte es. Am Abendbrottisch. Jadekind auf ihrem Stuhl. Bernsteinmädchen auf meinem Schoß.  Ersteres aß widerwillig ihr Brot, letzteres genussvoll ihre Reisflocken-Griespampe. Da begann das Jadekind zu blödeln, zeigte dem Schwesterchen den mit Brot vollgestopften Mund und tönte dabei laut „YAMYAMYAM“ -da gluckste das Baby schon. Als das Jadekind dann auch noch den Popo rhythmisch vom Stuhl hob und dabei Furzgeräusche produzierte, lachte das Baby lauthals.  Minutenlang wiederholte sich dieses Schauspiel.

Es war herzzerreißend.  Es war wunderschön. Die Magie des Kinderlachens ist wie Sternenstaub. Einzigartig und ewiglich.

Und dann der Blick über den Tisch zum Mann – da kann man am Vor -und nachmittag soviel reden wie man will, manchmal braucht es Momente.  Keine Worte.

Ich hab ihn eingefroren, diesen Moment. Er ist eines von vielen Mosaikstückchen meiner Seele. Ich hoffe es kommen noch viele dazu und ich bin dankbar für jedes einzelne Teil. Jeden Moment. Everything counts.

How to survive….

…kranke Kinder!

Ja, dazu braucht man echte Kämpfereigenschaften, eine weiche Schale und einen rauhen Kern sozusagen. Denn kranke Kinder (man beachte den Plural!) sind wirklich eine Herausforderung. Ich rechne damit, dass das Gesund-pflegen von kranken Kindern im eigenen Haushalt, genau wie das Anziehen mehrerer Kinder bei winterlichen Temperaturen (Stichwort: alternierendes Bilden von Zwiebelschichten), demnächst zum Ausbildungsberuf auserkoren wird.

Definitiv habe ich mittlerweile kostbare Skills in beiden Angelegenheiten erlangt – aber hier verrate ich jetzt erstmal das wesentlich in puncto Überlebenstricks bei kranken Kindern.

So vor zwei Wochen war es nämlich soweit, beide Mädels ziemlich krank, viralen Infekt mit Beteiligung der oberen Atemwege. Das bedeutet auf gut deutsch: verrotze Nasen, minütliches Niesen mit vielen Gelegenheiten zur Tröpcheninfektion, rauhe Stimmen bis zu Stimmversagen und vor allen Dingen Husten. Husten ist deshalb so nervig, weil er einen vom Schlafen abhält. Wenn man unter einem Jahr alt ist, so wie das Bernsteinmädchen, dann bekommt man nur homöopathischen Hustensaft verabreicht. Der wirkt so mäßig. Wenn man über zwei ist, bekommt man schon das bessere Zeug, wirkt aber auch nur so mäßig, wenn es einen richtig erwischt hat. Wenn man es als Kind dann endlich geschafft hat einzuschlafen, dann ist Husten immer noch nervig, nämlich für die Eltern, die dadurch via Babyphone geweckt werden oder noch besser; gar nicht erst einschlafen können. Tja also, da kommt man schon ziemlich zügig zum Hauptproblem bei kranken Kindern – alle haben akuten und massiven Schlafmangel. Das schlägt auf die Laune und auf die Konzentration. Bei mir führt das dazu, dass ich den O-Saft im Tassenregal abgestellt habe (ich nehme an der sollte ins Kühlmöbel) und bei den  Kindern führt das dazu, dass jeder Versuch zu spielen, in Frust endet, weil eben irgendwie nichts gelingt.

Die Legolok fährt schief und kippt ständig um, die Puzzleteile passen nicht mehr, Bücher tun in den Augen weh und alles nervt. Die nun folgenden Tipps beziehen sich auf das große Jadekind, das kleine Mädchen schläft dann entsprechend viel und wird ansonsten in der Bauchtrage von mir durch die Weltgeschichte buxiert, damit es zufrieden bleibt.

Hier also meine Tipps:

  1. Bei Krankheit alle pädagogischen Grundsätze über Bord werfen und Fernseh schauen uneingeschränkt zu lassen. Also natürlich läuft dann hier kindgerechtes Fernsehen und auch nichts von den dämlichen Serien, aber es läuft der Fernseher. Dazu bau ich eigens ein Krankenlager vorm TV auf, in dem ich unkompliziert und permanent pflegend einwirken kann. Anfänglich hatte ich tatsächliche Gewissensbisse, aber es geht einfach nichts anderes und außerdem habe ich beim genaueren Nachdenken festgestellt, dass ich damit nur guten Traditionen folge. Bei mir damals war es genau so. Ich hab trotzdem eine Hochschule besucht und nach gar nicht so langer Zeit mit einem Staatsexamen verlassen. Versaut einem also nicht postwendend alles, so ne TV-unterstütze Therapie.  Zwischendurch geht die Glotze natürlich mal aus. Dann gucken wir was die Konzentration macht und wagen ein Spielchen, das geht auch ne Weile gut. Ich lass zu diesen Zeiten die Große das Tempo bestimmen und schalte das erzieherische Moment dabei komplett aus. Das führt dazu, dass die Zeit auch für mich entspannter ist, wir gehen uns nicht wegen Kleinigkeiten auf den Sack. Harmonie hilft beim gesund werden ungemein. So die These.
  2. Ein Inhalationsgerät mit Kochsalzlösung. Kein Scheiß, das hilft wirklich ungemein. Hersteller egal, Hauptsache es wird der discotypische Nebel produziert und die Kinder atmen es ein. Dreimal fünf Minuten am Tag helfen enorm.
  3. Ein Hoch auf den Nurofensaft in Geschmacksrichtung Erdbeer. Der ist wirklich super. Wirkstoff Ibuprofen. Den kann man sich auch mal getrost selbst einverleiben. Da fühlt man sich tatsächlich schlagartig besser. Ich hab immer noch Angst, dass man eines Tages herausfindet, dass dort illegale Substanzen verwendet wurden und man das Zeug wieder vom Markt nimmt. Für diesen Fall hab ich mich bereits bevorratet, der komplette Apothekerschrank ist voll davon. Die stellen uns hier eher den Strom ab, als das der Nurofensaft ausgeht.
  4. Ein allerletzter antichristilich anmutender pädagogischer Superskill: Kinder essen wenn sie krank sind schlecht. Das ist auch erstmal nicht so schlimm, dass können die ganz gut wegstecken. Was doof und gefährlich werden kann ist zu weniges Trinken. Deshalb pimpe ich den Tee (Milch ist natürlich unangefochtenes Lieblingsgetränk, führt aber bei Husten nur zu noch mehr Husten) mit großen (wirklich großen!) Mengen an Zucker, wahlweise Traubenzucker. Das ist nicht gut für die Zähne, führt aber immerhin zu einer energiereichen Flüssigkeitszufuhr. Außerdem gibt es dann gerne ne Runde Speiseeis für alle. Tut bei Halsschmerzen gut, hebt die Laune und ist ja auch fast flüssig.

 

Zusammenfassend lade ich Sie ein, die Situation nun zu visualisieren. Da liegt also ein verrotztes, hustendes und fieberndes Kind auf einer Matratze vor dem TV. Um es herum wabern Nebelschwaden aus dem Inhaltionsgerät, es gibt stark zuckerhaltige Getränke und Eis. Außerdem (vermutlich illegale!) Medikamente.

Das sind doch mal bärenstarke Tipps. Wenn Sie mich nicht hätten….

 

 

Arschloch – Kinder

Es tut mir wirklich leid, aber ich habe schlichtweg keine nettere Überschrift für diesen Beitrag gefunden. Die soll ja auch passen, die Überschrift. Und mein Credo ist es überhaupt hier einen authentischen Abriss meines Lebens mit Mann und Kindern und Hund am Meer zu geben. Also; ab dafür!

Es gibt sie nämlich wirklich, die Arschloch – Kinder. Ich hatte schon länger den Verdacht eines zu kennen, aber gestern hat es sich endgültig bestätigt. Mit dem Jadekind besuchen wir seit circa einem Jahr einen Turnkurs, der zeichnet sich nicht nur durch eine extrem nette und kompetente Kursleitung aus, sondern auch durch einen sehr großen Anteil wirklich sympathischer Eltern (Mütter), mit denen man tatsächlich gerne plauscht und sich freut sie zu sehen. Mit eben diesem Großteil der Eltern hat der Edelsteinpapa seinerzeit bereits einen Pekipkurs besucht (ich habe da voll gearbeitet und mein Mann war 8 Monate zu Hause – ein durchaus gelungener Rollentausch war das!), das bedeutet, die Kindern kennen sich schon sehr lange und alles verläuft dem ALter entsprechend harmonisch. Das liegt auch durchaus daran, dass jeder sein Kind wirklich angemessen und umgehend maßregelt, wenn es (in dem Alter ja völlig normale) Ansätze von nicht angemessenen Besitzansprüchen hegt. Heißt nichts anderes als, wer anderen zum Beispiel einfach einen Ball wegzockt, der wird zur Rede gestellt und hat das Diebesgut unverzüglich wieder auszuhändigen. Ebenso wird bei den verschiedenen Aufbauten, wie Rollrutsche, Krabbeltunnel und Hüpfematte darauf geachtet, dass man Rücksicht nimmt, wartet bis man dran ist und sich nicht einfach vordrängelt. Das klingt für Sie selbstversändlich? Schade, dass mein höhnisches Lachen nicht zu hören ist. Es ist nicht selbstverständlich. Leider. Wir haben, bevor wir das Glück hatten auf diese Krabbelgruppe zu stoßen, schon einige andere ausprobiert. In der Regel liefen diese Eltern-Kind-Turnveranstaltungen so ab, dass man ca 40-50 Kinder (kein Witz!!!!) in eine mit sämtlichen Turnutensilien überfrachtete Halle steckte und dann hoffte, dass es nur auf einige Platzwunden herauslaufen möge. Dabei lehnen sich die meisten Eltern entspannt zurück und das Kind mit der besten Ellbogenmentalität und der unverschämtesten Herangehensweise, welches nicht vor körperlicher Gewalt zurückschreckt, dieses Kind, das hat Spaß. Alle anderen nicht so sehr. Wenn man lange genug dort hingeht, bekommt man so ein Kind. Da ich erstens ein schüchternes Kind habe, dem die gerade genannten Eigenschaften geradezu widerstreben und ich zweitens diese Form von Erziehung absolut zum Kotzen finde (Hallo, schöne neue Welt – so wollen wir leben?), waren diese Turnstunden nichts für uns und die Krabbelgruppe die wir jetzt besuchen war und ist ein echter Segen.

Dennoch hat sich auch in diese von Harmonie und Wohlerziehung geprägte Gruppe ein Arschlochkind eingeschlichen. Und das wäre ja noch nicht so schlimm, wenn dieses Kind nicht in Begleitung seiner Arschlochmutter käme, die den Gemeinheiten ihres Kindes milde lächelnd zuschaut und NICHTS unternimmt. Nun ist nicht nur mein Jadekind Zielscheibe des Arschlochs, sondern auch so gut wie alle anderen Kinder. Eigentlich kamen die Boshaftigkeiten immer recht wohl dosiert, so dass es zu viel war um es zu übersehen, aber auch zu wenig, um wirklich ein Fass aufzumachen. Aber gestern schlug es eben diesem Fass den Boden aus.

Das Jademädchen fröhlich vergnügt schaukelnd – kommt das Arschlochkind vorbei, guckt diebisch-dämlich und haut ihr volle Lotte auf den Rücken. Das Jadekind hat es in ihrer Freude gar nicht wirklich gemerkt. Das war dem Arschlochkind  natürlich zu wenig, deshalb schlug es nochmal zu. Neben sich, seine milde lächelnde Mutter. Ich also “ Elina (Name von der Redaktion NICHT geändert!), lass das bitte!“. Arschlochkind guckt verdutzt, ist eben solche Ansprachen nicht gewöhnt. Die Mutter macht gepflegt nichts. Danach kamen noch diverse Nickeligkeiten (nicht nur uns gegenüber), wie Ball abzocken (Mutter lächelt milde), von der Rutsche schubsen (Mutter lächelt milde), sich unzählige Male vordrängeln (Mutter lächelt milde, guckt wahlweise weg) und der Gipfel war, als sie den schwächsten Jungen der Gruppe, der Brillenträger ist, brutal (ja, wirklich!) gegen die Heizung stieß und ihm sofort im Anschluss die Brille von der Nase zog. Seine Mutter schrie laut „Nein! Das macht man nicht!“. Ihre Mutter, ja sie ahnen es, lächelte milde.  Was für zwei Arschlöcher.

Auf dem Nachhauseweg war ich enttäuscht von mir selbst. Das hätte ich besser machen sollen und müssen. Mich überfielen Fantasien, in denen ich das Jadekind auffordern würde zurück zu schlagen bei der nächsten Attacke. Nicht so sehr, weil ich  das mal sehen will, sondern weil ich die (mit Sicherheit und unter Garantie!) höchst empörte Reaktion der Arschlochmutter genießen würde um dann den Hinweis zu geben, dass sie Gewalt ihres Kindes doch auch toleriere  und wo jetzt das Problem sei. Aber Nummer eins, ist das auch irgendwie unverhältnismäßig und Nummer zwei müsste ich da mit dem Jadekind nochmal den Uppercut üben, das liegt ihr nämlich wie gesagt überhaupt nicht.

Also hab ich mich für Variante Nummer zwei entschieden. Bei der nächsten Gelegenheit (und die wird sehr schnell kommen), spreche ich die Mutter direkt an und zwar a lá „Findest du das eigentlich in Ordnung wie sich Elina verhält?“, dann warte ich die entsprechende Reaktion ab und lasse dem Gespräch seinen Lauf. Das regt mich jetzt schon auf das Gespräch, aber es nützt auch nichts, die beiden sollen in die mit 50 Kindern besetzten großen Turnhallen und sich dort (Achtung Wortspiel) durchschlagen.

Was für zwei Arschlöcher.

Das erste Mal andersrum

Gestern ist es dann passiert, das Jadekind geht ja seit Ende letzten Jahres an zwei Tagen die Woche zu einer Tagesmutter. Vormittags und für eine ganz gemütliche Zeitspanne. Am Anfang war es eine halbe Stunde, dann eine ganze und die Höchstleistung liegt bei drei Stunden. Mit dabei sind immer 1-2 andere Kinder. Ich glaube in der pädagogischen Fachsprache nennt man das Loslösegruppe. Beim Loslösen hat sich das Kind dabei an den ganz normalen Rhythmus von Kleinkindern innerhalb dieses Prozesses gehalten. Erst war die Zeit dort spannend und heiß geliebt, dann kam eine Phase in der es gar nicht hin wollte und ich nochmal wie zu Beginn mit rein musste, dann lief es ganz normal und in den letzten 2 Wochen lief es gar nicht. Das lag aber daran, dass wir hier alle mit einer fiesen Virusinfektion flach lagen und an ausserhäusige Veranstaltungen nicht zu denken war. Also war gestern der Tag, an dem das Jademädchen wieder mal zu „Bekka“ ging, ich hatte so ein bisschen meine Bedenken, waren wir doch länger nicht da, ob es eventuell wieder einen Rückfall in Richtung „Mama, pomm mit!“ geben könnte, aber Pustekuchen. Ganz freudestrahlend begab sich das gar nicht mehr so kleine Kind auf den Weg zur Haustür, selbstredend trug sie ihre Tasche selbst, drückte dann  beherzt  auf die Klingel, kurz danach mir einen Kuss auf den Mund und sagte „Tschüss Mama, Wiedersehn!“. Ja, soweit so gut. Als ich dann zwei Stunden später das Kind einsammeln wollte passierte etwas Neues im Rhythmus des Loslösens, sie wollte nämlich da bleiben, „bei Bekka bleiben“, und nicht mit nach Hause. Das Jadekind fing sogar an zu weinen und stampfte mit den Füßen. Da war ich perplex. Was ich gar nicht war, ist gekränkt oder verletzt. Das hört man ja immer wieder, dass es diese Gefühle bei Müttern dann geben soll. Aber diese Anwandlung hatte ich nicht eine Sekunde. Eher im Gegenteil, sofort nach dem ich das Perplexe überwunden hatte, war ich ein klein bisschen stolz und (jadasgebichzu) auch etwas amüsiert. Wie es dort stand das Kind und seinen Wunsch äußerte und es geschafft hatte sich so sehr ins Spiel zu vertiefen, dass ich einfach ungelegen kam. Es war das erste Mal andersrum. Und es war schön.