Vom Kinder auf die Welt bringen

Ich habe schon vor der Geburt unseres ersten Mädchens unheimlich gerne Geburtsberichte gelesen. Ich fand es spannend wie Frauen das Erlebte schilderten und wollte erfahren, was alles so geschehen kann während eines Geburtsverlaufs. Besonders berührt haben mich die positiven Emotionen, die ich aus jedem Bericht (undklangerfüreinenAußenstehendennochsoschrecklich) herauslesen konnte. Dieses Phänomen faszinierte mich und auf der anderen Seite hab ich es nie so richtig glauben wollen. Ich hielt es schlichtweg für einen Mythos; Schmerzen die man vergisst? Unglaubliche, unmenschlische Schmerzen, die man noch nie vorher hatte,? Und dann kann man diese Schmerzen im Nachhinein noch nicht mal mehr ordentlich beschreiben, weil man sie vergessen hat, plötzlich alles weg?? ‚Nee, nee meine Lieben!‘ hab ich gedacht, ‚Nicht mit mir!‘ hab ich gedacht. Wenn ihr das braucht um euch als gute Mütter zu fühlen ‚Na dann bitteschön!‘ hab ich mir gesagt, und mir vorgenommen selbst ganz ehrlich zu sein. Zu mir aber auch zu anderen Müttern wollte ich das sein.

Nun ja, was soll ich sagen, die Geburt unseres ersten Jadekinds zog sich unendlich hin. Vom vorzeitigen Blasensprung riss (daswarjaderMist) bis zum Endlich-in-den-Armen-halten, vergingen 45 (in Worten: fünfundvierzig!) Stunden. Zwischendrin, speziell während der 10 Stunden im Kreißsaal, speziell in den letzten 5 davon, war ich sauer. Sauer auf diese ganzen Frauen Lügnerinnen, die das immer wieder geschrieben hatten; ‚Den Schmerz hab ich sofort vergessen, es war gar nicht so schlimm, eine Geburt ist ein unbeschreiblich schönes Erlebnis.‘ Ja, da hab ich mir nämlich gedacht ‚NIEMALS NIE vergesse ich diesen Schmerz, NEVER EVER!‘. Ganz sicher war ich mir damit. Da hatte ich aber tatsächlich die Rechnung ohne den Wirt gemacht, da wusste ich noch nicht was passieren würde, da war mir noch nicht klar, das gleich, in den nächsten Stunden, von einer auf die andere Minute, mein Leben neu beginnen würde, alles plötzlich einen Sinn bekommen würde, denn da würde dieser kleine Mensch kommen. Unglaublich klein, unglaublich hilflos, unglaublich schön, unglaublich gut duftend (wiegehtdasdennbittewennmanmonatelangeingelegtist?) und vor allen Dingen eines: unglaublich perfekt. Ich war chancenlos, von Anfang an, aber das wusste ich nicht. Ich hatte keine Ahnung. Alles was ich mir vorgenommen hatte war weg, Makulatur. Hätte mich meine Hebamme nicht während der Geburt gefragt wie sich der Schmerz gerade anfühlt (ichsagtewieeinGürteldenmanimmerengermacht), ich schwöre, ich könnte den Schmerz nicht mehr beschreiben. Es ist wahr, ich habe jeden Schmerz in dem Moment vergessen als dieses neues Leben, nass und warm, auf meiner Brust lag und uns anschaute, mit großen Augen, ohne zu weinen, nur mit großen Augen guckte wo sie gelandet war. Zum allerersten Mal. Das war der magischste Moment meines Lebens (unddaswarvorherallesanderealsfad). Genau das war es; Magie. Alles war anders und der Schmerz weg.

Ich würde gerne etwas anders erzählen, wenn es die Wahrheit wäre, aber das ist es nicht. Die Wahrheit spreche ich, so wahr mir Gott helfe. Mein Mann und ich waren noch tagelang im ultimativen Glücksrausch, immer wieder versicherten wir uns gegenseitig, dass das das unglaublichste Erlebnis unsere Lebens war. Es miteinander zu teilen verbindet uns bis heute sehr tief. Und so kommt es, dass die Absurdität Dualität des Lebens genau in diesen oben noch genervt-angekündigten 45 Stunden und speziell in den letzten 10 beziehungsweise 5 Stunden vor Jadekinds Geburt wiederzufinden ist. Gerade das lange Warten, gerade diese Zeit davor, das Zweifeln ob alles gut geht, das Beten zu Gott er möge uns beistehen, die Angst vor dem drohenden Kaiserschnitt, der Mut es doch zu schaffen, gemeinsam stark zu sein, der unbedingte Wille von uns dreien, das alles werde ich nie vergessen. Mein Mann auch nicht. Every minute counts. Keine möchte ich missen. Nicht ein bisschen Schmerz (welcherSchmerz?) weniger. Es war, um ehrlich zu sein sogar so, dass die Erinnerung an die Geburt unbedingt wach halten wollte. Sehr lange hab ich die Wasserflasche, die mein Mann mir immer wieder in dieser Nacht reichte (einbilligeOnewayVolvicflasche), aufgehoben, ich wollte sie nicht gehen lassen, die polyethylenterephtalathaltige Begleiterin der schönsten Stunden meines Lebens, ich war so wehmütig.

Unmittelbar nach der Geburt sagte ich zu meinem Mann „Ich hab das Leben jetzt erst verstanden!“. Damals hab ich nicht viel drüber nachgedacht, der Satz sprudelte so aus mir raus, genau wie die Tränen. Aber er ist alles was ich dazu sagen kann. Es wurde einfach plötzlich alles klar. Warum Menschen sterben müssen, wie es ist geboren zu werden, warum wir hier sind, welches Wunder hinter allem steckt und das es Gott gibt. Das alles war für mich nun ganz klar. Keine Fragen mehr. Viel später sagte ich es nochmal anders, ich behaupte wir hatten eine Begegnung mit Gott in dieser Nacht. Und wenn nicht das, dann waren wir nah dran. Wir waren nämlich gar nicht mehr hier, im Kreißsaal Nummer 3, sondern irgendwo anders, irgendwo dazwischen und sind mit dem größten Geschenk wieder auf der Erde gelandet.

Ich höre es schon, die Frauen die das nun eventuell lesen und denken ‚Meine Güte, krieg dich ein, die Nummer mit dem Schmerz glaub ich dir eh nicht und den restlichen Kitsch kannste auch weglassen, ehrlich ma!’…ich verstehe es, ich war da auch, an dieser Stelle. Es ist eben ganz einfach etwas, dass man nicht vermitteln kann, man muss es erleben, durchleben, mitleben. Ich wünsche das jedem Menschen, dieses Gefühl. Vielleicht geht das ja auch anders, vielleicht muss man dazu kein Kind auf die Welt bringen. Für uns war es so. Wir sind glücklich dieses Wunder im Juli dieses Jahres zum zweiten Mal erlebt haben zu dürfen. Es war ganz anders, aber nicht weniger magisch. Ich erzähle davon später, ein anderes Mal. Vom Kinder auf die Welt bringen.

Autor:

Jahrgang 79. Verheiratet. 3 Kinder. 1 Hund. Ich habe zu bloggen begonnen, weil ich selbst gerne in Blogs stöbere. Toll wäre wenn man tatsächlich ins Gespräch über Familie, Kinder, Erziehung, ...mit euch kommen könnte. Ansonsten benutze ich den Blog als eine Art "Notiz an mich selbst" und mache das ganz einfach aus Spaß!

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